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Planets and galaxy, cosmos, © Thanapol Sinsrang von Getty Images via Canva.com
Vincent Freeman – Unbeirrt zu den Sternen reisen
Ein gesellschaftlicher Außenseiter träumt davon, als Astronaut den Weltraum zu bereisen. In einer Welt, die ihn aufgrund seiner genetischen „Unvollkommenheit“ ablehnt, überwindet er alle Hindernisse auf seinem Weg: durch seinen Mut, seine List und seine unerschütterliche Zielstrebigkeit. Am Ende reist er nicht nur zu den Sternen, sondern hat auch den Respekt und das Vertrauen anderer Menschen für sich gewonnen.
Ein Außenseiter, der zu den Sternen reisen möchte
Vincent wächst in einer Welt auf, in der die meisten Menschen künstlich gezeugt und genetisch optimiert wurden. Er hingegen wurde noch auf natürlichem Weg empfangen. Doch schon bei seiner Geburt gibt sein Vater ihm nicht den eigenen Namen, obwohl dieser Vincent als dem Erstgeborenen zustünde. Dieses Privileg erhält zwei Jahre später Vincents genetisch optimierter Bruder Anton. Aufgrund eines prognostizierten Herzfehlers wird Vincent wie ein krankes Kind behandelt und damit zugleich beschützt und behindert. Anton hingegen sind sowohl die Förderung als auch der Stolz seines Vaters sicher.
Als „Invalider“ gehört Vincent zu den Underdogs der Gesellschaft. Auch wenn er seit frühster Jugend vom Weltraum träumt, hat er keine Chancen auf eine Karriere als Raumfahrer, sondern muss sich nach Verlassen seines Elternhauses als Hilfsarbeiter durchschlagen. Eine Raumfahrtsorganisation wie das renomierte Gattaca darf er lediglich als Mitarbeiter einer Putzkolonne betreten. (gewohnte Welt)
Doch er ist entschlossen, seinen Traum zu verwirklichen. Die Gelegenheit dazu erhält er in Form einer gefälschten Identität, mit der er sich er sich als „Jerome Morrow“ in Gattaca einschmuggelt. Der echte Jerome ist ein genetisch optimierter Hochleistungsschwimmer, der nach einem Autounfall im Rollstuhl sitzt. (Ruf zum Abenteuer)
Da die gesamte Geschichte von Vincents Zielstrebigkeit angetrieben wird, sind die Momente der Weigerung jeweils nur kurz. So zögert Vincent minimal, als er erfährt, dass er eine schmerzhafte Operation beider Beine über sich ergehen lassen muss, um auf die notwendige Körpergröße Jeromes zu „wachsen“. Und vor seinem Bewerbungsgespräch in Gattaca bietet er Jerome, dass sie noch aufhören können, wenn sie wollen.
Doch natürlich ziehen sie es durch. Und in seiner Bewerbung muss Vincent lediglich eine Urinprobe abgeben. Die genetische Analyse identifiziert ihn als „Jerome Morrow, VALID“, und damit hat er den begehrten Job. Jetzt muss er alles tun, um dauerhaft mit seinen genetisch optimierten Kolleg*innen mitzuhalten, ohne dass er durch Minderleistung auffällt. Dies gelingt ihm mithilfe eiserner Disziplin und einiger Tricks. So saugt er allabendlich seinen Computerarbeitsplatz sauber und verteilt er gezielt Haare und Hautschuppen von Jerome über der Tastatur.
Im Tausch für Jeromes genetisches Material in Form von Urin, Blut und Hautschuppen finanziert Vincent durch seinen Job in Gattaca das Leben des zynischen Jerome, der sich seit seinem Unfall in einen exzessiven Rausch von Alkohol und Drogen flüchtet. Beide teilen sich auch eine gemeinsame Wohnung, wo Jerome in einem gut ausgestatteten Labor alle Materialproben für Vincent aufbereitet.
Ein Mord, der allen Tricks ein Ende setzen könnte
Kurz vor einer wichtigen Weltraummission zum Saturn wird einer der Direktoren von Gattaca ermordet aufgefunden. Die Polizei findet bei der allgemeinen Spurensuche das genetische Material eines nicht identifizierten, also illegalen Invaliden, und verdächtigt diesen sofort als Mörder. Vincent gerät damit noch stärker in Gefahr, entdeckt zu werden, muss sich stärker anstrengen und verstellen. Denn er hat einen Platz im Missionsteam erhalten und ist entschlossen, Ende der Woche gemeinsam mit den Kolleg*innen zum Saturn starten. Bis dahin muss er den Polizeibeamten entgehen, die den Tod des Direktors aufklären wollen. (Ziele)
Für Vincent kann jede DNA-Spur seine wahre Identität enthüllen. Während er alles tut, um keine Fehler zu machen und seine Tarnung aufrechtzuerhalten, verkompliziert sich die Situation weiter: Sein jüngerer Bruder Anton tritt der ermittelnden Einheit bei und nimmt die Suche nach dem Mörder auf. (Aufgaben & Hindernisse)
Aus der Zweckgemeinschaft zwischen Vincent und Jerome entsteht allmählich eine Freundschaft. Jerome offenbart Vincent, dass er seinen Unfall selbst herbeigeführt hat, um sich zu suizidieren, weil er beim olympischen Wettschwimmen nur Silber gewonnen hat. Denn einer wie Jerome wurde nicht geschaffen, um lediglich eine Silbermedaille zu holen.
Parallel dazu entwickelt sich zwischen Vincent und Irene, einer Kollegin bei Gattaca, eine Liebesgeschichte. Irene wurde trotz genetischer Optimierung mit einem Herzfehler geboren. Aufgrund dieser Beeinträchtigung kann sie niemals ein Mitglied der bemannten Raumfahrt werden, sondern immer nur als Bodenpersonal Dienst tun. (Weggefährt*innen)
Zeige, wer du wirklich bist
Irene erzählt Vincent, sie habe sein Genom analysieren lassen – eine übliche Herangehensweise unter Verliebten, um Interesse an einer längerfristigen Partnerschaft zu bekunden. Vincent befürchtet, dass Irene nun seine wahre Identität kennt. Doch sie hat eins von Jeromes Haaren an Vincents Platz gefunden und ist lediglich beeindruckt von seinem überragenden genetischen Profil. Im Gegenzug bietet sie Vincent eines ihrer Haare an. Er lässt es absichtlich wegwehen und zeigt ihr, wie unwichtig ihm Gene sind. Doch solange er sich ihr gegenüber nicht öffnet, wird er mit Irene keine ehrliche Beziehung eingehen können und wahrhafte Liebe erfahren. (tiefe Erkenntnis)
Trotzdem schafft er es nicht, ihr zu sagen, wer er wirklich ist. Das Risiko, dass sie ihn als Invaliden und Betrüger abweist, ist ihm einfach zu groß. Ganz abgesehen davon, würde er auch seine Teilnahme an der Mission zum Saturn aufs Spiel setzen. (Zerreißprobe)
Bei einer Razzia in einem Club, den er mit Irene besucht, schlägt Vincent einen Polizisten zusammen und flieht mit Irene. Sie konfrontiert ihn mit ihrem Verdacht, er habe etwas mit dem Tod des Direktors zu tun. Trotzdem deckt sie ihn gegenüber der Polizei. Sie verbringen eine Liebesnacht. Am nächsten Morgen wacht Vincent auf und ist in Panik: Seine Haare und Hautschuppen sind überall in Irenes Wohnung verteilt. Vielleicht kann sie sich vorstellen, einen genetisch gut ausgestatteten Mörder zu decken, aber niemals einen Invaliden? Er flieht in zurück in seine eigene Wohnung. (Scheitern & Katastrophe)
Entschlossen das „Schicksal“ besiegen
Nachdem der Betrug von Jerome und Vincent nur knapp der Aufdeckung durch die Polizei entgangen ist, sagen sie Irene die Wahrheit. Vincent gesteht ihr seine Identität als Invalider. Er beschwört sie, dass sie trotz ihrer „schlechten“ Gene alle Chancen hat – er selbst sei dafür der beste Beweis. Er sagt ihr auch, dass er den Direktor nicht ermordet hat. Irene hört Vincent an – und geht. (Reifung & Transformation)
Zurück in Gattaca trifft Vincent auf seinen Bruder Anton. Dieser will ihn aus der Raumfahrtsorganisation entfernen, um ihn vor weiteren Untersuchungen zu schützen. Doch Vincent erklärt Anton, dass er seinen Schutz nicht braucht. Die Brüder liefern sich ein Wettschwimmen im Ozean – so wie einst in den Duellen ihre Kindheit. Dabei gewinnt Vincent durch seine Willenskraft, indem er solange weiterschwimmt, bis Anton schließlich aufgeben muss. Dieser Sieg markiert Vincents Triumph über die Einschränkungen, die ihm von der Gesellschaft und seiner eigenen Familie auferlegt wurden.
Doch die entscheidende Prüfung hat noch einen zweiten, wichtigeren Teil: Diesen besteht Vincent, als er den untergehenden Anton vor dem Ertrinken rettet, obwohl dieser neben Irene als einziger seine wahre Identität aufdecken könnte. Ich behaupte sogar: Hätte Vincent hier versagt und seinen Bruder nicht gerettet, wäre die Geschichte ab hier anders verlaufen. (entscheidende Prüfung)
So jedoch erkennt Anton Vincents Entschlossenheit an und lässt ihn gewähren. Der Teilnahme an der Mission zum Saturn steht nichts mehr im Weg. Irene sucht Vincent auf. Er gibt ihr eine Haarsträhne von sich, die sie absichtlich fallen lässt und damit seine frühere Geste spiegelt. Auch sie nimmt ihn so an, wie er ist. (Belohnung)
Jerome hat genug genetisches Material von sich aufbereitet, um Vincent nach seiner Rückkehr vom Saturn „zwei Leben lang“ zu versorgen. Auch er tritt eine lange Reise an, von der er jedoch nicht zurückkommen wird. Während der Raumflug zum Saturn startet, hört man Vincents letzte Gedanken: Eigentlich will er gerade gar nicht so gerne weg von der Erde. Doch seine Fahrt zu den Sternen fühlt sich weniger wie ein Abschied an, und viel mehr wie ein Nachhausekommen.
Das Geschenk von Vincents Held*innenreise
Was wiegt schwerer: die genetische Ausstattung eines Menschen oder seine Entschlossenheit und Willenskraft? Die Gesellschaft einer „nicht allzu weit entfernten Zukunft“ hat darauf eine Antwort gefunden und bewertet das Potenzial eines Menschen allein aufgrund seiner genetischen Ausstattung. Es scheint keine Möglichkeit zu geben, dieses „Schicksal“ nach der Geburt noch zu korrigieren.
„Hör auf zu rebellieren und ergib dich endlich in dein vorbestimmtes Schicksal“, scheinen alle Menschen ihm entgegenzurufen, doch Vincent weigert sich. Nicht umsonst heißt er mit Nachnamen „Freeman“: Er ist ein Mensch, der sich von gesellschaftlichen Zwängen und engstirnigen Ansichten nicht einschränken lässt. Statt klein bei zu geben, verfolgt er unbeirrt sein Ziel.
Im Wettkampf mit dem Bruder verrät er das Geheimnis seines Erfolgs: Er sei so weit gekommen, weil er sich nie etwas für den Rückweg aufgehoben habe. Keine Zweifel. Kein sorgenvoll-ängstliches „Was wäre, wenn es schiefgeht?“ Stattdessen: Klarheit, Fokus und Selbstvertrauen. Für seinen Erfolg sind ihm zwar viele Mittel recht, doch er bleibt moralisch korrekt und überschreitet nicht die Grenze zum Brudermord.
Gattaca lehrt uns, dass die menschliche Willenskraft mächtiger sein kann als jede vorbestimmte Einschränkung und dass echte Größe im Überwinden von Widrigkeiten liegt. Der Film inspiriert dazu, sich nicht von äußeren Barrieren aufhalten zu lassen und den Glauben an das eigene Potenzial zu bewahren. Gleichzeitig fordert er unmissverständlich dazu auf, gesellschaftliche Normen und Diskriminierung zu hinterfragen und erinnert daran, dass unsere Träume und unsere Entschlossenheit uns definieren, nicht unsere Herkunft oder vermeintliche Makel. Und damit ist er heute aktueller denn je.
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*Quellen für Gattaca (1997)
Drehbuch und Regie Andrew Niccol