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Held*innenreise Frank (60): Werte als Kompass
Frank berichtet in seiner Held*innenreise von seinem Wechsel aus einem großen Unternehmen in die Selbständigkeit – immer in Abstimmung mit seinem inneren Wertekompass.
Hochleistungsträger mit Professionalität und Menschlichkeit
Das Zusammenspiel von Beschützerrolle und rebellischem Blick
„Ich bin als sicherheitsorientiertes Kind groß geworden und habe diesem Wert immer einen großen Stellenwert eingeräumt. Im Berufsleben bin ich in eine traditionelle Männer- und Beschützerrolle gegangen. Ich war über 30 Jahre Führungskraft: Wie ein guter Vater habe ich mein Team beschützt, meine Mitarbeiter haben sich wohl und behütet gefühlt. Zugleich war ich 365 Tage im Jahr für die Company verfügbar, durch die internationale Besetzung meiner Teams auch noch spätabends und am Wochenende, auch im Urlaub. In meinem Team waren wir in einer tayloristischen Organisation wie eine kleine Zelle aus Rebellen, verantwortlich für Innovationen und Projektmanagement und einen anderen Blickwinkel auf das Geschäft. Weil ich diese Freiheiten hatte, ging es mir gut, denn ich mag es zu arbeiten und Dinge zu bewegen. Trotz des hohen Arbeitspensums und verschiedener Veränderungswellen bin ich dabei gesund geblieben. (gewohnte Welt)
Doch meine Company durchlief dramatische Veränderungen: 6.000 Mitarbeiter mussten gehen. Meine Vorgesetzten wollten mich als Ambassador des kulturellen Wandels behalten, gaben mir einen direkten Einblick in die internen Prozesse und Strategien. Doch ich sollte in meinem Bereich 20 Mitarbeiter entlassen. Das waren Menschen, mit denen ich zum Teil Jahrzehnte zusammengearbeitet hatte. Gleichzeitig sollte ich neue Mitarbeiter in Indien einstellen und einarbeiten. (Ruf zum Abenteuer)
Wenn über Sinn und Unsinn nicht mehr zu diskutieren ist
Das Ganze war völlig absurd; ich rechnete sogar den Business Case dagegen, um meine Vorgesetzten von der Sinnlosigkeit ihres Vorhabens zu überzeugen, fand Verständnis, jedoch keine Akzeptanz. War das noch die Firma, in der ich sein wollte? Und wenn ich bei der Entlassungswelle mitmachte, war ich dann noch der väterliche Beschützer meiner Mitarbeiter? Oder nicht eher der Vater, der diese Kinder auf Befehl opferte, um neue zu adoptieren? (Weigerung)
Nach dem alten Spruch „Love it, change it or leave it“ war klar, was ich tun musste. Ich wolle diese neue Rolle nicht lieben, ich hatte versucht, meinen Auftrag zu verändern und war damit gescheitert. Um meinen Werten treu zu bleiben, musste ich mich im Außen verändern. Da alle Stellen noch einmal neu ausgeschrieben wurden, bewarb ich mich also trotz Drängen meiner Vorgesetzten nicht mehr auf meine alten Stelle. Trotz des Wunsches meines Chefs willigte ich nicht ein, noch ein letztes Jahr zu bleiben, um mein eigenes Team abzubauen. Ich wollte keine goldenen Handschellen tragen, wie mein Chef sie mir anbot. (zweiter Ruf)
Eine Diagnose liefert den letzten Anstoß
Kurz nach meinem Urlaub erhielt ich die Diagnose einer tiefen Beinvenenthrombose. Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste: Es gibt bei dieser Krankheit immerhin eine zweistellig prozentige Todesrate. Manchmal sind es einzelne Tropfen, die ein Fass zum Überlaufen bringen, es braucht nicht immer einen Rieseneinsturz. In meinem Fall habe ich das Wechselspiel von Ruf und Weigerung ein paarmal durchgespielt. Doch diese Diagnose war mein finaler Grund zu gehen. Die Entscheidung habe ich zusammen mit der Familie getroffen: Wir haben eine Excel-Tabelle angelegt, finanzielle Belastungen und Sicherheiten gegenübergestellt. Bis zu meinem Aufhebungsvertrag hat es dann noch zwei Monate gedauert. Ich konnte mich von meinem Team verabschieden und bin im Guten gegangen. Meinem alten Arbeitgeber bin ich für viele Dinge dankbar: Ich hatte dort viele Möglichkeiten zum Experimentieren und konnte Führung bereits agil gestalten, als das noch kaum jemand so genannt hat. (Überschreiten der Schwelle)
Auf der Suche nach sinnstiftenden Zielen
Freizeit und Heimwerker-Projekte sind auf Dauer nicht genug
Die ersten drei Wochen daheim waren wie Urlaub, doch dann wurde ich unruhig. Ich war es gewohnt, am Tag bis zu 150 E-Mails zu lesen und zu bearbeiten. Jetzt scrollte ich durch meine Kontakte und hoffte die ganze Zeit darauf, dass sich jemand bei mir melden würde. Ich bin gesprungen, ohne ein ganz klares Ziel vor Augen zu haben. Ich wollte vor allem erst einmal raus aus den alten Strukturen und das machen, wozu ich Lust habe. Aber ich hatte noch nicht konkret vor Augen, wie ich mich genau selbst verwirklichen und meine Lust befriedigen konnte. (Ziele)
Also lebte ich bei freier Zeiteinteilung in den Tag hinein und wunderte mich, wie ich in meinem vorherigen Leben alles untergekriegt hatte. Ich räumte mein Büro auf, evaluierte sämtliche Kontakte und kümmerte mich um vieles, was in unserem Haus liegengeblieben war. Ich war oft im Baumarkt und ließ mich für neue Heimwerker-Projekte inspirieren, dass ich dort problemlos als Verkäufer hätte anfangen können. Parallel ging ich noch zur Outplacement-Begleitung, die mein alter Arbeitgeber mir ermöglicht hatte. Doch auch die Beraterin sagte mir, ich solle erst einmal den Prozess für mich verarbeiten, sie würde sich nach sechs Wochen melden und fragen, was ich von ihr brauchte.
Erfüllung bedeutet: Es gibt Gründe, am Feierabend den Abend zu feiern
Ich lebte einfach in den Tag hinein und ließ mich von Gedanken und Situationen leiten. Doch irgendwann war mein Tagesrhythmus völlig verschoben zu dem meiner Frau. Und ich fühlte keine Erfüllung, wenn ich einfach nur in den Tag hineinlebte: Am Feierabend hatte ich keinen Grund zu feiern.
Ich fing also damit an, mir auf zeitlicher, räumlicher und inhaltlicher Ebene neue Strukturen zu schaffen. Auch zusammen mit meiner Frau musste ich einen neuen Rhythmus für unseren Alltag finden. In dieser Zeit habe ich mir zum ersten Mal wirklich Gedanken über meine Ziele für die kommende Zeit gemacht und auch intensiv mit meiner Mentorin in der Outplacement-Beratung gearbeitet. (Aufgaben und Herausforderungen)
In meinem beruflichen Netzwerk machte ich tatsächlich Erfahrungen mit Gestaltwandlern: Gerade dort, wo ich am ehesten andocken wollte, klappte es nicht. Alle Beteiligten, ich eingeschlossen, hatten eher die Sorge, dass die andere Seite sie ausnutzen könnte. (Wegbegleiter*innen)
Vom Ehrenamt in die Selbständigkeit
Wissen aktiv weitergeben und Erfolge feiern
Allmählich reifte in mir die Erkenntnis: Ich möchte meine Erfahrung und mein Wissen aktiv weitergeben. Ich möchte gerne den Abend feiern. Und ich möchte etwas schaffen, weil ich ein Macher bin. So fing ich an, mich ehrenamtlich in einem Mehrgenerationenhaus zu engagieren – was ich bis heute immer noch tue. Ich bot eine Handysprechstunde für Senioren an, Bewerbertraining und die Moderation von Meetings. Es fühlte sich gut an, zugleich war es mir als Aufgabe auf Dauer zu wenig. Aus dieser Erkenntnis formte sich mein nächstes Ziel: die eigene Selbständigkeit im passenden rechtlichen Rahmen. (tiefe Erkenntnis)
Eines der ersten Angebote, das ich bekam, war eine Art von Projektmanagement, als Interims- oder Krisenmanager. Ich habe abgelehnt, denn es wäre dieselbe Arbeit gewesen wie in meinem alten Job: eine letzte Einladung aus dem goldenen Käfig – aber definitiv keine Zerreißprobe für mich.
Nach der Gründung kam Corona
Auch wenn ich keine echte Katastrophe erlebte, in der ich nicht mehr wusste, wie ich ohne fremde Hilfe weiterkommen konnte, so geriet ich doch direkt beim Start in eine Krise: Am 1.2.2020 machte ich mich offiziell selbständig. Am 15.3. wurde das gesamte Arbeitsleben aufgrund der Corona-Pandemie herunterfahren. Auch bereits akquirierte Projekte wurden abgesagt, und drei Monate lang passierte gar nichts, bei einem Gesamtumsatz von unter 200 €. (Krise)
Ein neue Spielfeld für bewährte Lebenswerte
Was darf gehen, was darf bleiben, und was kommt neu hinzu?
Was habe ich bei meinem Weggang aus der Company zurückgelassen? Natürlich die ganzen formellen Aspekte wie zum Beispiel Kostenstellenverantwortung, aber auch die große finanzielle Freiheit und die großzügigen Weiterbildungsmöglichkeiten. Die Struktur, Sicherheit und Big-Brother-Energie eines großen Konzerns: Als Einzelkämpfer mit weniger Macht muss ich mit alten Business-Kontakten eine neue Augenhöhe verhandeln. Was ich vermisse, ist das Spielfeld des Gestaltens im eigenen Team. Was ich mitgenommen habe, sind meine Kompetenz und Erfahrung – daraus ist ein neuer Anfang entstanden.
Meine Vaterfunktion habe ich in der Sterbebegleitung der Mutter wiedergefunden. Ich habe die Verantwortung übernommen und sie zu nichts überredet, sondern sie bewusst in ihrer Entscheidung bestärkt. Dieser Prozess und auch die Dankbarkeit meiner Mutter bedeuten mir viel. (Reifung & Transformation)
Die Zeit von meinem ersten Überschreiten der Schwelle bis zur entscheidenden Prüfung hat fast ein Jahr gedauert, was auch steuerliche Gründe hatte. Ich habe mir die Zeit genommen und solange ehrenamtlich geholfen, einfach weil es Spaß gemacht hat. Meine Outplacement-Mentorin vermittelte mich als Berater an ihre Company; schließlich kannte ich den Outplacement-Prozess aus allen unterschiedlichen Rollen. Ich bekam das Angebot für einen Arbeitsvertrag. Doch für mich war endgültig die Entscheidung in Richtung Selbständigkeit gefallen, und so bin ich als Freelancer eingestiegen. (entscheidende Prüfung)
Zeit und Lebensqualität bewusst genießen
Der Aspekt der Belohnung nimmt jetzt einen größeren Raum in meinem Leben ein als zuvor. Ich nehme mir bewusst Auszeiten mit meiner Familie. Wir steigen kurzfristig raus aus dem heimischen Trott, machen länger und öfter Urlaub. Früher sind wir jede Woche ein- bis zweimal essen gegangen, heute kochen wir zusammen. Bewusstes Genießen ist das Motto – für mehr Lebensqualität in verschiedenen Bereichen. Der Feierabend heißt so, weil der Abend gefeiert werden darf. Wir feiern auch die kleinen Dinge. (Höhepunkt & Belohnung)
Mein Arbeitsleben ist jetzt selbstbestimmt. Ich genieße die höhere Verfügbarkeit über meine eigene Zeit und die größeren Freiheitsgrade, die ich jetzt habe. Ich verdiene bei weitem nicht mehr so viel Geld wie vorher, aber meine Reserven sind nach wie vor stabil und es reicht immer noch für ein gutes Leben.
Das Spielfeld hat sich verändert, doch ich spiele immer noch
Wenn ich Kontakte aus meiner alten Welt pflege, dann halte ich Kontakt zum einzelnen Menschen, aber nicht mehr zu dessen Funktion als Rollenträger in einem Unternehmen. Ich genieße es, wie sich immer wieder neue Möglichkeiten auftun, mit denen ich gar nicht gerechnet habe. Manches davon wird zum Auftrag, an einer anderen Stelle geht es um den nicht-kommerziellen Austausch von Menschen verschiedener Kompetenzen: Wie können wir Führung neu denken? Mein Spielfeld hat sich verändert, doch ich spiele immer noch, und es macht total viel Spaß. (neues Selbst)
Ich finde das Bild der Raupe hilfreich, weil es die einzelnen Stationen zu größeren Stadien zusammenfasst. Gleichzeitig eigenen sich die Stationen sehr gut, um damit bewusst in eine detailliertere Selbst-Reflexion zu gehen. Spannend finde ich auch die Sprünge in meiner eigenen Heldenreise: Nicht jede Transformation verläuft exakt nach dem Modell. Doch ich kann mir gut vorstellen, mich damit auf die nächste Veränderung vorzubereiten. Wie kann ich schneller durch unangenehme Stationen gehen oder diese ggf. sogar überspringen?“
Das Geschenk von Franks Held*innenreise
Die Klarheit, mir der Frank seine Werte lebt und als Kompass für seine Entscheidungen nutzt, hat mich wirklich beeindruckt. Und das in einem Umfeld, das extrem auf Profit durch die Nutzung der Arbeitskraft seiner Mitarbeiter*innen ausgerichtet ist. Ich stelle mir vor, dass sich nach langer Mitarbeit in solchen Strukturen bei Einzelnen auch eine gewisse Gewohnheit und Trägheit einstellen könnten.
Franks Held*innenreise zeigt deutlich, wie richtungsweisend und stärkend unsere wichtigsten Werte sein können, wenn das Umfeld sich als ein herausfordernder und machtvoller Gegenspieler erweist. Andere in seiner Situation hätten vielleicht ihren inneren Kompass ignoriert, den Umständen nachgegeben und sich dabei eingeredet, dass es trotzdem noch okay ist. Unsere Werte können uns helfen, wenn es darum geht, Grenzen zu ziehen und Nein zu Angeboten zu sagen, die nicht passen.
Du möchtest mehr zum Thema Held*innenreise wissen?
Wenn du dir die Held*innenreise zuerst noch einmal im Überblick anschauen möchtest, findest du hier den passenden Blogpost.
Und mit Klick auf den Button kommst du direkt zu meinem Ratgeber. Darin entwickelst du nach den 15 Stationen der Held*innenreise deine Lebensvision – für ein Leben mit mehr Eigen-Sinn.