Die Held*innenreise als Coaching-Tool in Veränderungsprozessen
In diesem Beitrag stelle ich dir ein Geschichtenmodell vor: die Held*innenreise. Dieses Modell nutze ich in meinen Coachings, um Menschen in Veränderungsprozessen zu begleiten. So gelingt es ihnen, ihre aktuelle Situation und vor allem auch ihre Reaktionen und Gefühle besser zu verstehen und einzuordnen, und der Druck der Veränderung verwandelt sich in eine Haltung von Neugier und Abenteuerlust.
Je offener wir den Veränderungen in unserem Leben begegnen, desto leichter können wir uns auf sie einlassen. Deshalb ist es nützlich, wenn wir unser eigenes Leben oder die Zeiten großer Veränderung wie eine Geschichte zu betrachten.
Geschichten sind tief in uns verwurzelt
Seit den ersten Tagen der Menschheit, an den Lagerfeuern unserer Urahnen, erzählen wir einander Geschichten. Sie handeln von der Gefahr, die das Heim bedroht, vom Mut, den Einzelne aufbringen, um die Gruppe zu beschützen oder alle gegen einen mächtigen Gegner zu vereinen. Menschen lieben Geschichten.
Sie wecken unsere Gefühle
Vor allem lieben wir Storys, in denen die Figuren über sich hinauswachsen. Das sind die Erzählungen, bei denen uns heiß und kalt wird: voller Hoffnung, dass am Ende Mut, Gemeinschaft und Vertrauen über Ausgrenzung und Niedertracht siegen. Instinktiv verstehen wir, dass eine gute Geschichte Herausforderungen braucht, damit die Figuren sich zu ihrer neuen Größe entwickeln. Held*innen erleben ihre Abenteuer selten auf dem Sofa. Beim Lesen oder Zuhören fühlen wir das Gruseln der Bedrohung und teilen den feurigen Mut der Heldenfiguren. Und vielleicht meldet sich auch eine innere Stimme in uns, die ihr eigenes Abenteuer erleben möchte.
Sie gehören zur menschlichen Entwicklungsgeschichte
Der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell untersuchte unzählige Mythen aus verschiedenen Kulturen und Zeiten und entdeckte dabei übereinstimmende Gemeinsamkeiten. Das Muster für bewegende und motivierende Geschichten existiert nicht zufällig, sondern ist tief in unser Psyche angelegt. Joseph Campbell nannte es „The Hero’s Journey – die Reise des Helden“.
Geschichten sind veränderungsmächtig
Heutzutage nutzen Hollywoods Drehbuchautoren diese Geschichtenstruktur beim zeitgenössischen Erzählen. Einer der ersten Filme, der bewusst nach der Held*innenreise gestaltet wurde, war „Star Wars“ von George Lucas: die Abenteuergeschichte von Luke Skywalker, einem jungen Mannes, der das Böse in Gestalt seines Vaters besiegt, um die Galaxie zu retten.
Sie liefern uns Lösungen
Die Held*innenreise kommt jedoch nicht nur in der Filmindustrie, sondern auch in verschiedenen Beratungs- und Therapiekonzepten zum Einsatz, bis hin zu Storytelling-Ansätzen im Changemanagement und in der Werbung.
Warum diese weite Verbreitung? Die Held*innenreise vermittelt ihre Informationen auf eine ansprechende Art, indem sie nicht ausschließlich die Logik bemüht, sondern vermehrt auch unsere Gefühle anspricht. Eine Geschichte ist mehr als die spannende Abenteuerstory einer Heldenfigur. Sie liefert Lösungsstrategien für jene Probleme, die die Held*innen auf der Reise bewältigen müssen. Zuhören oder zuschlagen? Klauen oder kaufen? Und sie vermittelt gleichzeitig, wen wir vor uns haben: Wie eine Figur sich entscheidet, zeigt, wer sie ist.
Das funktioniert bereits mit wenigen Sätzen. Selbst in den kleinen Anekdoten, die wir über unseren Alltag erzählen, stecken Annahmen darüber, wie wir mit alltäglichen Herausforderungen am besten umgehen, und woran wir scheitern könnten, falls wir nicht aufpassen.
Sie verleihen dem Leben Bedeutung
Mit den größeren Geschichten, die wir über uns selbst und unser Leben erzählen, verleihen wir diesem Leben Bedeutung. Wir erklären, wer wir waren, wer wir sind, und wer wir werden wollen. Und wenn wir die Geschichten ändern, die wir über uns erzählen? Dann können wir nicht nur unsere Zukunft, sondern sogar den Blick auf unsere Vergangenheit verändern und langjährige innere Verletzungen und Konflikte auflösen. Genau diese Kraft wirkt in der Held*innenreise.
Die Stationen der Held*innenreise
Mittlerweile gibt es zahlreiche Abwandlungen von Joseph Campbells ursprünglichem Modell, von 8 bis 17 Stationen ist alles dabei. Ich selbst arbeite mit 15 Stationen, die ich dir hier vorstellen möchte. Damit es übersichtlich bleibt, habe ich sie in vier Abschnitten zusammengefasst, die aufeinander aufbauen, wie bei der Entwicklung eines Schmetterlings: Ei – Raupe – Puppe – Schmetterling.

Der ideale Ablauf einer Held*innenreise
Aufbruch aus dem Vertrauten
Jede Reise beginnt zuhause. Hier lebt die Heldin mit ihren Stärken und Schwächen, die sie mehr oder weniger gut kennt. Die gewohnten Welt ist ihr vertraut – oft sogar schon so gut, dass sie sich langweilt. Aufgaben und Gefährt*innen sind bekannt und vorhersehbar. Wenn auch nicht alles Spaß macht, so bietet diese Routine dennoch eine große Sicherheit. Das Leben verläuft in gewohnten Bahnen.
Doch die gewohnte Welt ist auch eine Welt des Mangels. Irgendetwas fehlt. Dies ist der Heldin meist mehr oder weniger deutlich bewusst. Es gibt wenige Überraschungen, keine Gefühlsachterbahnen – nur die Heldin und ihr typisches Verhalten. Diese Gefühle oder Gedanken des Mangels sind der erste Hinweis auf ungelebtes Potenzial.
Es gibt einen Moment, in dem die Heldin erkennt, dass sie sich aus ihrer gewohnten Welt hinausbewegen muss. Wenn die alte Welt Mängel hat, braucht es nur eine kleine Instabilität, um mittendrin im Abenteuer zu sein. Alles kann als Auslöser dienen, solange es nur das Herz der Heldin trifft.
Der Ruf hat zwei Elemente: Er zeigt sich als starker, überwältigender Drang und gleichzeitig als Blockade (siehe Weigerung). Zum einen ist da der spontane, unverstellte Blick auf das, was sein könnte. Eine innere Stimme spricht: „Das muss ich ausprobieren und herausfinden, ob ich es kann. Ich möchte das unbedingt machen. Ich willl endlich mein Leben beginnen.“ An dieser Station geht es darum, den Ruf mit dieser inneren Klarheit und dem Gefühl von „Das ist es“ zu erkennen. Im übernächsten Schritt geht es darum, den Ruf auch tatsächlich anzunehmen.
Weil jeder Ruf mit Veränderung verbunden ist, weigern sich die meisten Held*innen zunächst. Sie suchen Entschuldigungen und Gründe, die Reise doch nicht anzutreten. Und das ist menschlich, denn in diesem Moment sehen wir vor allem die Kosten der Veränderung und möchten sie gerne vermeiden.
Wir spüren, dass das bevorstehende Abenteuer viele Herausforderungen bereithält, und ahnen, dass wir jede Menge Energie brauchen, um sie zu bewältigen. Unser inneres Alarmsystem, das auf Vorsicht programmiert ist, schlägt an. Das ganze Leben wird sich verändern. Und selbst wenn wir dies wirklich wollen, kommen oft innere Anteile ins Spiel, die uns zögern lassen. Oder es gibt Menschen in unserem Umfeld, die uns zur Vorsicht mahnen.
Veränderung? Wenn schon, dann aber bitte ohne Aufwand.
Unterwegs im Land der Abenteuer
Der Moment, in dem wir die alte Welt hinter uns lassen und die neue Welt betreten, ist der Moment, in dem wir das Ziel unserer Reise annehmen. Es ist wie das Überschreiten einer Schwelle: der Moment, in die Heldin etwas tut, was sich nicht umkehren lässt. Davor war Veränderung eher ein Gedanke, ein mögliches Konzept. Ab jetzt haben wir uns verpflichtet. Mit dem Ziel nimmt die Reise eine klare Richtung und Energie an, das Abenteuer nimmt Fahrt auf. Wir betreten eine neue Welt, die in vielen Aspekten das komplette Gegenteil der gewohnten Welt darstellt.
Die Reise hält verschiedene Aufgaben und Herausforderungen bereit. Wir begegnen Unterstützer*innen und Hindernissen – und müssen uns auf dem Weg zu unseren Zielen bewähren.
Sich ein Ziel zu setzen, bedeutet nämlich auch, aus dem idealen Licht des Rufs in die Niederungen des Alltags zu gehen und die Arbeit anzunehmen. Ruf und Ziel müssen miteinander verbunden sein, doch es wird Abstriche in der Umsetzung geben. Mit dieser Diskrepanz müssen wir leben lernen, während wir uns den Herausforderungen der Reise stellen.
Abstieg in die dunkelste Höhle
Schließlich gewinnen wir unsere tiefste Erkenntnis: der eigentliche Grund unserer Reise. Dieser Grund kann alles auf den Kopf stellen, was wir bisher geglaubt haben. In dieser Phase sind wir am verletzlichsten und müssen uns in der Folge mit Scheitern und Katastrophe auseinandersetzen.
Diese bahnen sich an mit dem Gefühl, dass etwas nicht stimmt, und können sich in Lustlosigkeit, Sorgen, Unbehagen oder Ohnmacht (= ohne Macht) steigern. Wir erfinden Ausweichmanöver, um uns nicht mit der Sache beschäftigen zu müssen. Oder wir werden verbissen und ignorieren alle Anzeichen von Erschöpfung. Oder wir ertrinken in Emotionen.
In der Katastrophe stirbt ein Teil von uns, damit wir uns verändern und wie ein Phönix aus der Asche neu entstehen können. Es ist der Moment, der uns am meisten Angst macht, weil wir spüren, dass wir uns auf eine Art verändern werden, die wir zu Beginn der Reise noch nicht einmal ahnen konnten.
Freier Flug in die Welt
Der einzige Ausweg aus dieser Situation heraus ist die Transformation. Weil in der Katastrophe unser altes Ich zerstört wurde, sind wir fähig, etwas vollkommen Neues zuzulassen. Daher ist Schmerz Teil der Transformation; wir können ihn nicht vermeiden.
Dieses neue Ich muss noch eine letzte Prüfung bestehen: ein Test, ob die Heldin auch wirklich in ihrem neuen Sein angekommen ist. In dieser Prüfung am Höhepunkt der Geschichte wächst sie über sich selbst hinaus. Sie hat die besten Seiten ihres alten Selbst bewahrt und gleichzeitig alle Lektionen ihrer Reise verinnerlicht. Deswegen erringt sie den Sieg und erhält ihre Belohnung.
Für unsere Heldenreise ist es entscheidend, dass wir unseren Erfolg auch erleben können. Wenn uns das Wissen um Erfolg fehlt, weil unser Körper, unsere Gefühle und unser Denken ihn nicht erkennen können, dann werden wir auch den Höhepunkt nicht erkennen.
Am Ende der Reise kehrt die Heldin heim. Sie hat sich verändert. Oft stellt sie fest, dass sich auch ihr Zuhause verändert hat: Die gewohnte Welt ist ebenfalls erneuert. Der Kreis der Geschichte schließt sich.
Es ist jetzt sinnvoll, die Reise noch einmal von Anfang bis Ende zu überschauen und einen Ausblick zu wagen. Als heimkehrende Held*innen können wir das, was wir auf der Reise gelernt haben, in unser Leben integrieren, und ein erfüllteres, zufriedeneres Leben führen. So lange, bis auch dieses Leben wieder zur gewohnten Welt geworden ist und uns ein neuer Ruf zum Abenteuer ereilt.
Du hast Lust auf deine eigene Held*innenreise?
In meinem Ratgeber zeige ich dir, wie du in 15 Schritten durch die Held*innenreise deine Lebensvision entwickelst – für ein Leben mit mehr Eigen-Sinn.