Mehr als genug

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Girl holding painted stone © Darya Fedorova via Canva.com

Mehr als genug – Vom Zuviel im Außen zum Mehr in uns

Was brauchen wir wirklich? Ein Essay über Konsum, Selbstberuhigung, Kapitalismus – und den Mut, unser Leben anders zu erzählen.

Dieser Essay ist zuerst in der Anthologie Mehr in Sicht erschienen – ein Buch voller Perspektiven auf das, was wirklich zählt. Für alle, die Lust darauf haben, ihren eigenen Horizont zu erweitern.

Geständnis: Ich habe zu viel

In Vorbereitung für diesen Essay gehe ich durch meine Wohnung und mache im Geiste eine Liste der Dinge, die ich besitze. Nicht so etwas wie Laptop, Notizbücher oder Gelschreiber – diese Gegenstände sind notwendig für meine Arbeit. Ich zähle das, was ich unter „Luxus“ oder „Overkill“ verbuche:

  • 321 Fachbücher – Kommunikation, Führungscoaching, Teamarbeit
  • 23 Schals – vom dicken Strickschal bis zum fein gewebten Tuch
  • 247 Schreibratgeber – fein säuberlich geordnet nach Unterkategorien
  • 38 Tarot- und Orakel-Kartensets – lieblich hell oder dämonisch dunkel
  • 218 vegane Koch- und Backbücher – von Suppe und Salat bis zu Dessert und Teegebäck
  • 17 Parfums – für unterschiedliche Stimmungen und Wetterlagen

Ich habe ziemlich viel Kram. Bücher überwiegen bei weitem. Ein schwacher Trost. Fun Fact: Ich hatte eine Phase, da habe ich abends im Bett Kochbücher zur Entspannung gelesen.

Wenn ich unsicher oder unzufrieden bin, kaufe ich Dinge. Ich habe gute Gründe dafür: mehr lernen, selbst kochen, meine Kreativität fördern, mir etwas Gutes tun. Doch ich kaufe auch, um Angst und Stress zu besänftigen.

Die anderen machen es doch auch

Wir alle kaufen. Wir alle konsumieren: Handy, Autos, Fahrkarten, Beratung, Toilettenartikel, Downloads, Lieferpizza.
Die unverzichtbaren Dinge des Lebens.

Wir alle kaufen. Fast Fashion. Fleisch. Dubai-Schokolade. Urlaubsflüge.

Lauter Dinge, auf die wir nicht verzichten wollen. Einschließlich der Selbsthilfe-Bücher zum Entrümpeln und für einen minimalistischen Life-Style.

Natürlich finden wir gute Gründe: Das war schon immer so. Das hab ich mir verdient. Damit darf ich mich belohnen. Das brauche ich, damit es mir gutgeht. Das gönne ich mir.

Während wir shoppen, zahlt die Welt den Preis

Wir konsumieren und verbrennen dabei allmählich unseren Planeten.

  • In Deutschland entfallen rund 40% der Treibhausgasemissionen pro Kopf allein auf „sonstigen Konsum“ wie Kleidung, Elektronik und Freizeit. (https://www.naturefund.de/wissen/kompensation/reduzieren/konsum)
  • Fast ein Viertel der Pro-Kopf-Emissionen wird durch die Produktion von Nahrungsmitteln verursacht, insbesondere durch Fleisch- und Milchprodukte. (https://www.wwf.de/themen-projekte/landwirtschaft/ernaehrung-konsum/essen-wir-das-klima-auf)
  • Die jährlichen Pro-Kopf-Emissionen in Deutschland liegen bei etwa 11 Tonnen CO² – fast doppelt so hoch wie der weltweite Durchschnitt. (https://www.umwelt-im-unterricht.de/hintergrund/umweltbewusstsein-konsumverhalten-und-nachhaltiger-konsum)

Und trotzdem kaufen wir immer weiter – oft nur, um uns abzulenken oder unser schlechtes Gewissen zu beruhigen.

Unendliches Wachstum ist längst als Illusion entlarvt: Der Club of Rome veröffentlichte bereits 1972 sein berühmtes Buch „The Limits to Growth“ (deutsche Übersetzung: „Die Grenzen des Wachstums“). (https://www.clubofrome.org/publication/the-limits-to-growth/)

Trotzdem verhalten wir uns, als wäre genau das möglich. Wir kaufen, konsumieren und beschleunigen immer weiter. Als gäbe es keine Grenze – an Ressourcen, an Erde, an dem, was machbar und erträglich ist.

Selbst Bakterien in einer Petrischale hören irgendwann auf zu wachsen. Wenn der Platz nicht mehr reicht. Wenn die Nährlösung aufgebraucht ist. Wenn ihnen die Luft ausgeht. Dann kippt das System – und das, was sich vorher immer weiter vermehrt hat, stirbt.

Wie lange wollen wir uns noch einreden, wir seien klüger als Bakterien und könnten der Natur ein Schnippchen schlagen?

Selbstberuhigung aus der Einkaufstüte

Unendliches Wachstum ist eine Illusion. Unendlicher Konsum ist es ebenfalls.

Und zugleich gibt es einen archaischen Teil in mir, der beruhigt ist, wenn ich konsumiere. Als gäbe jemand meinem inneren Baby eine Nuckelflasche. Dickflüssig und süß. Brauchst keine Angst zu haben. Ist doch alles gut.

Beim Erstellen der Liste mit meinen Sachen habe ich mich – zugegebenermaßen – geschämt. Weil es so viel ist. So unfassbar unverschämt viel Zeug. Mit welchem Grund kann ich das wirklich rechtfertigen?

Selbstberuhigung ist die gesunde Reaktion auf ein zutiefst menschliches Bedürfnis: das nach Sicherheit. Wir wollen uns alle sicher und geborgen fühlen – auch lange, nachdem wir keine Babys mehr sind. In einer Welt, die in multiplen Krisen steckt, ist das keine Kleinigkeit. Kriege, Klimakrise, rechtsextreme Ausschreitungen, Rassismus, Feindlichkeit gegen Ausländer*innen, wirtschaftliche Existenzängste, Gesundheitssorgen und ganz persönliche Herausforderungen – die Liste unserer vorhandenen und wahrgenommenen Stressoren ist lang.

Wenn ich die Welt und meinen Alltag besser bewältigen kann, weil ich mir ab und zu eine Kleinigkeit gönne, dann ist das doch nur klug. Weil ich dafür sorge, dass es mir gutgeht. Ein Klick – und mein Gehirn bekommt einen kleinen, süßen Dopamin-Kick. Glückhormone als Gratisgeschenk, bei jedem Einkauf inklusive.

Wo hört Self-Care auf und fängt sinnlose Nuckelflaschen-Selbstberuhigung an? Diese Grenze ist nicht endgültig festgelegt. Wir dürfen sie immer wieder für uns selbst hinterfragen und neu definieren.

Das System will, dass wir kaufen

Doch da gibt es noch eine Sache, die ist viel größer als die Einzelnen: Wir leben in einem System, das darauf angewiesen ist, dass wir immer weiter kaufen. Shopping als Glücksbringer ist sozial erlerntes Verhalten. Von klein auf erleben wir Kaufen als erwünschte, angenehme, befriedigende Tätigkeit. Unser Konsum ist gewollt.

Ohne Konsum keine Verkäufe. Und ohne Verkäufe können die allermeisten Unternehmen einpacken. Die Wirtschaft im Kapitalismus ist davon abhängig, dass wir unseren Teil dazu beitragen, indem wir arbeiten – und konsumieren. Deswegen halten Kapitalismus-Vertreter*innen so gerne am Märchen vom unendlichen Wachstum fest. Weil sie damit ihre eigenen Selbstberuhigungsstorys weiterverbreiten können. Weil es gut klingt – fast zu schön, um wahr zu sein.

Arbeits- und Kaufsucht sind die besten Süchte, die wir als Mitglieder einer kapitalistischen Gesellschaft entwickeln können. Zur Not tun’s jedoch auch Spiel- oder Alkoholsucht – Hauptsache, wir halten irgendwie die Maschine am Laufen. Denn das System ist davon abhängig, dass alle mitmachen. Oder jedenfalls so viele wie möglich.

Es kann uns innerlich so dreckig gehen wie sonst was – solange wir nach außen hin produzieren, konsumieren und materiellen Wohlstand anhäufen, sind wir im Kapitalismus gute und nützliche, wertvolle Menschen. Doch sobald du diese Ethik von „Leistung muss sich lohnen“ infrage stellst, machst du dich verdächtig. Egal, ob du auf dem 30-jährigen Klassentreffen über den Sinn von Bürgergeld diskutierst oder unter Kolleg*innen für die Einführung einer „Reichensteuer“ plädierst. Viel Spaß dabei – und gute Nerven.

Ganz ehrlich: Ich habe diese Nerven oft nicht. Weil ich keine Lust habe, mich durch Stammtischargumente durchzukämpfen. Weil Wirtschaftszusammenhänge so komplex sind, dass mir schnell die Argumente ausgehen. Und beim Schreiben dieser Zeilen frage ich mich ernsthaft, ob ich auch den Mut haben werde, sie nicht nur hinzutippen, sondern auch wirklich zu veröffentlichen. Aber, fuck: Wenn ich nicht für das einstehe, was mir wichtig ist, wird es kein anderer Mensch für mich tun.

Fest steht: Wir haben uns das System nicht ausgesucht, in das wir geboren wurden. Wir können nicht einfach alle zu Selbstversorger*innen werden und uns dem Konsum komplett verweigern. Die Verantwortung für den Kaufrausch liegt nicht allein beim Individuum.

Trotzdem sind wir dem System nicht hilflos ausgeliefert. Wir können entscheiden, wo wir mitmachen, wo wir kritisch bleiben und auch wo wir aussteigen. Es geht nicht um einen völligen und radikalen Verzicht. Eher um die entschleunigende Frage: Brauche ich das gerade wirklich? Oder wären ein offenes Gespräch, eine liebevolle Umarmung oder fünf Minuten Stille nicht heilsamer?

Was wir brauchen und nicht kaufen können

Unendliches Wachstum ist eine Illusion. Unendlicher Konsum ist es ebenfalls. Und dennoch konsumieren wir – mehr, als uns guttut.
Was können wir dagegen tun?

Eine Kundin von mir hat es in einem Coaching so treffend auf den Punkt gebracht, dass ich nicht anders kann, als sie zu zitieren: Ich bin dankbar für alles, was ich habe und mir leisten kann. Es ermöglicht mir ein gutes Leben. Doch all mein Besitz befriedigt mich nicht, weil ich damit noch nichts in die Welt gebracht habe.

Dieser Satz ist der entscheidende Schlüssel: Worum geht es eigentlich im Leben?

Wir möchten uns sicher fühlen. Auf körperlicher Ebene frei von Schmerzen, auf existenzieller Ebene frei von Ängsten, Sorgen und Nöten. Sicher, dass wir so sein dürfen, wie wir sind, ohne für unsere Sexualität, Geschlechtsidentität, Herkunft oder unser Aussehen angegriffen zu werden.
Wir möchten zugehörig sein. Ein Zuhause haben, eine Gemeinschaft finden, zu der wir gehören. Die Leute, die über unsere Witze lachen, die uns trösten und in den Arm nehmen. Die wir lieben können und die uns ebenfalls lieben.

Doch wenn wir das Überleben geschafft haben und Menschen gefunden haben, bei denen wir uns wohlfühlen, dann geht es um mehr: nämlich um unseren Beitrag für die Welt. Oder, wie es im Sprichwort heißt: Glück kann man nicht kaufen.


Mehr geben für mehr Lebensfreude

Wir müssen unser System der Befriedigung vom Kopf auf die Füße stellen. Mit dem anfangen, was wir für die Welt tun können – und nicht umgekehrt.

Dein Beitrag für die Welt – was könnte das sein? Welchen Abdruck willst du in der Welt hinterlassen? Mit welchen Werten willst du einen Mehrwert schaffen?

  • Mehr Schutz: Willst du dafür sorgen, dass andere sich sicher fühlen können?
  • Mehr Kontakt: Sprich aus, was dich bewegt. Zeig anderen deine verletzliche Seite.
  • Mehr Freude: Umarme deine Lieblingsmenschen – auch vor Fremden. Geh raus und iss ein Eis.

Ein Eis? Echt jetzt? Nach der ganzen Anti-Konsum-Tirade?

Ja. Denn es gibt kein Leben ohne Konsum. Und es muss auch kein Leben ohne Genuss geben. Überlege dir bloß vorher, was du wirklich brauchst.

Überlege dir gleichzeitig, was du der Welt zurückgeben möchtest. Wie du anderen und auch dir selbst Freude schenken kannst. Und mach mehr davon.

Denn dann bekommst du echtes Glück – statt noch mehr Zeug, das einfach nur herumsteht, ohne dass du es benutzt.

Mehr kleine Momente, die guttun. Mehr Genuss ohne schlechtes Gewissen. Mehr Aufmerksamkeit für das, was dich im Alltag trägt, wärmt und mit dir selbst verbindet.

Genau darum geht es in meinem Ratgeber „Lebensfreude jeden Tag“: 77 Inspirationen für mehr Leichtigkeit, Selbstliebe und Alltagsglück – praktisch, kurz und so gedacht, dass du nicht erst dein ganzes Leben umbauen musst.

Neugierig auf mehr Perspektiven darauf, was im Leben wirklich zählt?

Dieser Essay ist Teil der Anthologie „Mehr in Sicht“. 17 Autor*innen teilen darin persönliche, poetische und politische Gedanken über Werte, Leben und das, was für uns wirklich Bedeutung hat.

Zum selber lesen, weitergeben und verschenken.

Der gesamte Erlös wird an die Tafel Deutschland gespendet.

„Mehr in Sicht“ ist ein Projekt des Write-Your-Book-Club.

3 Kommentare zu „Mehr als genug“

  1. Pingback: KW46/2025: Alle TCS-Blogartikel - The Content Society

  2. Danke, von dieser Art Beiträgen kann es tatsächlich nicht genug geben. Ich bin auch immer wieder die Spaßbremse, die diesen sinnentkoppelten und grenzenlosen Konsum hinterfragt und auch den Kapitalismus, der wie du so richtig sagst, ohne Dauerkonsum einginge.

    Und wir haben uns so dran gewöhnt, dass sich diese Flut an Plastikschrott wie der lebensnotwendige normalzustand anfühlt. Obwohl er uns eigentlich kaputt macht.

    Wie gesagt: Danke! Und liebe Grüße
    Angela

    1. Danke für deinen unterstützenden Kommentar.

      Es ist oft eine Herausforderung, die Balance zu treffen. Als Selbständige in diesem System bin ich natürlich auch darauf angewiesen, meine Dienstleistung zu verkaufen. Ich bin Teil der Maschine. Aber, wie du sagt: Es geht um Sinnhaftigkeit und Angemessenheit. Was brauchen Menschen, was brauchen auch meine Kund*innen wirklich.

      Und ich glaube, wir dürfen uns diese Frage einfach öfter stellen, den Diskurs lebendig halten, auch wenn es manchmal anstrengend sein kann. Deswegen ist es so wichtig, sich gegenseitig zu supporten. <3

      Liebe Grüße
      Patricia

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