Held*innenreise Anne: Grenzen ziehen, Mauern sprengen

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Held*innenreise Anne (28): Grenzen ziehen, Mauern sprengen

Resilienz: Das ist die innere Stärke, auch widrigste Umstände zu überwinden und sich den Weg ins Leben zu erkämpfen. Es ist die Geschichte von Anne.

Aufwachsen mit Gewalt und Unterdrückung

Ich musste erst einmal erkennen, dass es nicht normal war, wie ich behandelt wurde

„Als Kind wurde ich mit Gewalt und Unterdrückung gelenkt. Ich hatte keinen Raum, mich selbst auszuprobieren. Mit meinen Eltern waren keine offenen Gespräche möglich. Viele Dinge habe ich gar nicht erst gewagt (z. B. vegan leben), weil ich dafür direkt eins auf den Deckel gekriegt habe. (gewohnte Welt)

In dieser Umgebung habe ich eine ganze Zeit gebraucht, um zu verstehen, dass bei mir daheim etwas schieflief. Denn für ein Kind ist negative Aufmerksamkeit ja trotzdem auch Aufmerksamkeit und gibt eine Routine. Doch wenn ich eine Freundin besuchte und feststellte: Die gehen ja nett miteinander um, oder: Sie lässt ein Glas fallen und zuckt nicht sofort zusammen – das hat mir allmählich den Unterschied klargemacht. (Ruf zum Abenteuer)

Die äußere Unterdrückung hat bei mir viele innere Ängste und Tabus erzeugt

Ich wollte meine Situation verändern, aber es gab viele innere Hindernisse, die es verhindert haben. Durch die jahrelang aufgezwungene Routinen hatte ich Angst als mein zentrales Muster entwickelt: Ich hatte die Verbote meiner Eltern so gut verinnerlicht, dass sie sich automatisch abgespult haben. Ich kam erst gar nicht auf die Idee, etwas anderes auszuprobieren, hatte nicht einmal den Impuls dazu. Im Alltag mit meinen Eltern habe ich mich ständig angepasst und war sehr vorsichtig, um alles zu vermeiden, was Stress erzeugen könnte. Um im Bild der Raupe zu bleiben: Ich musste wirklich erst einmal lernen, mir Beine wachsen zu lassen, um meinen Wunsch nach Veränderung umsetzen zu können. (Weigerung)

Zum Studium endlich den Gewaltraum der Eltern verlassen

Ich hatte Begleiter*innen, die Trost spendeten, aber nichts verändern konnten

Was mir in dieser Zeit bei meinen Eltern sehr geholfen hat, waren mein Kater und meine Oma, die sehr fürsorglich war, auch wenn sie keinen Einfluss auf meine Situation hatte. Von meinen Schulfreunden wusste niemand Bescheid. (Wegbegleiter*innen)

In dieser Situation habe ich es bis zum Abi ausgehalten und danach noch mein FSJ (freiwilliges soziales Jahr) gemacht. Erst zum Studium konnte ich endlich ausziehen. Alle vorherigen Trennungsversuche sind gescheitert. Den Support, den ich von Beratungsstellen erhalten habe, ging komplett an meiner Realität vorbei: Ich bekam dort z.B. das Angebot, sie würden meinen Eltern einen Brief schreiben, und ich könne ja zu einer Freundin gehen, wenn der Brief ankäme.

Endlich in Freiheit, war ich immer noch eingesperrt durch meine Ängste

Als ich zum Studium ging, hatte ich das Gefühl, als wäre ich plötzlich in die Freiheit entlassen worden. Ich wollte anders leben, als ich es erfahren hatte. Ich wollte und musste mich verändern. (Ziele)

Doch dieselben Fäden, die mich so lange geleitet hatten, lenkten mich immer noch durch meine Ängste. Ich fragte mich ständig, was andere von mir denken könnten. Da habe ich vieles erst gar nicht probiert.

Ich brauchte viele Gegenbeweise, um meine alten, schmerzlichen Erfahrungen zu widerlegen

Trotzdem sammelte ich allmählich praktische Gegenbeweise, dass die Welt anders war als im Haushalt meiner Eltern. Ich machte die Erfahrung, dass ich Neues ausprobieren konnte, ohne dafür beschimpft, beschämt oder bedroht zu werden. Ich habe viel Zeit gebraucht, um das Vertrauen aufzubauen, dass diese Erfahrungen nicht Ausnahmen, sondern die Regel waren. (Aufgaben und Herausforderungen)

Meine Lebensaufgabe besteht darin, mein Urvertrauen zurückzugewinnen

Um mir selbst zu helfen, musste ich meinen Wunsch von den guten Eltern loslassen

Ich habe früh mein Urvertrauen verloren, weil meine Eltern es mir weggenommen haben. Aber ich kann lernen, es mir selbst zu geben: Bloß, weil sie versagt haben, muss ich nicht mein Leben in einem emotionalen Gefängnis verbringen. Mein Urvertrauen zurückzugewinnen: Das ist momentan meine Lebensaufgabe. (Tiefe Erkenntnis)

Es war sehr schmerzhaft, den Wunsch loslassen, einen Papa und eine Mama zu haben, die für mich da sind, so wie man sich das als Kind von Eltern wünscht. Aber genau dies war notwendig für mich, um in meinem eigenen Leben anzukommen. (Reifung & Transformation)

Ich muss mir immer noch beweisen, dass meine Welt heute besser ist als jene meiner Kindheit

Beim Kampf mit meinem Schatten geht es immer wieder darum, meine Angst vor vermeintlichen Konsequenzen zu überwinden. Auch wenn diese Angst unbegründet ist: Sie wirkt genauso real, als würden die befürchteten Konsequenzen tatsächlich stattfinden. Ich muss mir immer wieder beweisen, dass diese Welt anders ist als die, in der ich aufgewachsen bin. (entscheidende Prüfung)

Heute bin ich eine Tochter, die sich abgrenzt

Ich habe meine Kindheit und Jugend überlebt: physisch und emotional

Es gab eine Zeit, da dachte ich, ich werde nicht volljährig. Und es ist ein Wunder, dass ich 18 Jahre alt geworden bin. Ich habe überlebt: physisch und emotional. Heute weiß ich, was gut für mich ist und was ich vom Leben will. Ich wiederhole nicht das System meiner Eltern, sondern bleibe in meiner Wahrheit und mache es komplett anders. (Belohnung)

Heute weiß ich, was gut für mich ist und bestimmte selbst meine Grenzen

In meiner neuen Rolle bin ich die Tochter, die sich abgrenzt. Ich kontrolliere den Kontakt und entscheide selbst, wie häufig und wie lange ich sie besuche. Dabei achte ich darauf, was ich brauche, und nicht mehr, was sie wollen.

Schwierig bleibt das gesellschaftliche Tabu: Die wenigsten Leute wollen den Grund wissen, warum meine Weihnachtspläne keinen ausführlichen Besuch bei meinen Eltern umfassen. Ich prüfe immer noch sehr genau, welchen Menschen in meinem Umfeld ich wie viel erzählen möchte. Eine Beziehung kann ich mir gerade nicht vorstellen.

Ich erlaube mir mein Tempo, denn ich bin nicht länger auf der Flucht

Ich möchte die alten Angstreaktion aus dem Körper rauskriegen und insgesamt noch entspannter werden. Mir ist wichtig, dass ich mir Zeit lasse mit mir selbst, mich nicht überfordere und in meinem eigenen Tempo weitergehe: Wann bin ich bereit für den nächsten Schritt? (neues Selbst)“

Das Geschenk von Annes Held*innenreise

Von allen Interviews, die ich führen durfte, hat mich Annes Geschichte am meisten getroffen. Das, was selbstverständlich sein sollte – die Liebe und der Schutz eines Kindes durch seine Eltern – wird leider nicht allen Menschen zuteil. Annes Geschichte macht mich wütend, weil ich weiß, wie eingeschränkt die Möglichkeiten sind, etwas zu verändern. Sie macht mich auch demütig, weil mir bewusst wird, was mir selbst als Startkapital geschenkt wurde. Ich fühle einen Wahnsinnsrespekt vor dem, was Anne geschafft hat.

Annes Held*innenreise – und die all der Kinder, denen Ähnliches widerfährt – ist auch ein Appell an uns alle: Wir dürfen aufmerksam sein, hinsehen und nachfragen. Da sein und Geduld haben, weil Vertrauen Zeit braucht. Und falls jemand in unserem Umfeld nicht so darauf brennt, die Feiertage mit der Ursprungsfamilie zu verbringen: einfach annehmen, dass es gute Gründe dafür gibt.

Wenn du dir die Held*innenreise zuerst noch einmal im Überblick anschauen möchtest, findest du hier den passenden Blogpost.

Für einen tieferen Einstieg ist meinen Ratgeber eine gute Wahl: Damit entwickelst du nach den 15 Stationen der Held*innenreise deine Lebensvision – für ein Leben mit mehr Eigen-Sinn.

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